St. Pauls-Kirche in Odessa

 

 
   

Dr. Gerd Stricker
Die lutherische St. Pauls-Kirche in Odessa wurde wieder eingeweiht

 

 
    Die Diaspora-Gabe des weltweiten Martin-Luther-Bundes für das Jahr 2008 war dem Wiederaufbau der St. Pauls-Kirche in Odessa/Ukraine gewidmet. Der Martin-Luther-Bund Schweiz und Fürstentum Liechtenstein beschloss auf seiner Jahrestagung am 13. April 2008, dieses Projekt mit € 5000.- zu unterstützen. Konkret wurde festgelegt, dass unser Betrag der Gestaltung des Altarraumes zugutekommen soll.
Während vor allem die lutherische Landeskirche in Bayern sowie der Martin-Luther-Bund, Erlangen, und das Gustav-Adolf-Werk, Leipzig, wesentlich die Neugestaltung des Kirchsaals finanziert haben, sicherten der Freistaat Bayern (als Partnerland der Ukraine), deutsche und auch einige ukrainische Stellen sowie private Spender die Finanzierung der Aussenarbeiten und des nunmehr „säkularenTeils“ der alten Kirche.
 

St. Pauls Kirche

Die 1897 eingeweihte St. Pauls Kirche entspricht ganz den Vorstellungen des protestantischen Kirchbaus, wie sie damals in zahlreichen Städten Deutschlands realisiert wurden

Am 17. April 2010 konnte nach fünfjährigem Wiederaufbau die in der Sowjetzeit zerstörte lutherische St. Pauls-Kirche in Odessa wieder eingeweiht werden – unter Leitung des Bischofs der „Deutschen Ev.-Lutherischen Kirche in der Ukraine“, Uland Spahlinger, und des langjährigen Beauftragten der lutherischen Landeskirche in Bayern für den Wiederaufbau der St. Pauls-Kirche, Oberkirchenrat i.R. Dr. Claus-Jürgen Roepke, und in Anwesenheit von Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Ukraine sowie Repräsentanten des ukrainischen Staates.
Im Schwarzmeerraum, im Süden des Russischen Reiches, gab es 1914 etwa 165 lutherische Kirchgemeinden der sog. Schwarzmeerdeutschen, überwiegend Dorfgemeinden. Nur in Odessa und den wenigen Städten im Schwarzmeerraum fanden sich grosse, sozial durchmischte Gemeinden: wohlhabendes deutsches Bürgertum, Stadtintelligenz, Gelehrte und Lehrer, Fabrikanten, Geschäftsleute, Handwerker, Arbeiter. 1827 war eine lutherische Kirche eingeweiht worden; bald kam eine deutschsprachige Schule (später mit gymnasialem Zug) hinzu. Doch als die Gemeinde um 1890 an 10.000 Glieder (Gesamtbevölkerung Odessas 1890: 445.000) zählte, reichte das alte Kirchlein für die Bedürfnisse der Gemeinde nicht mehr aus – ein Neubau wurde beschlossen. Die nach einem Entwurf des Stuttgarter Architekten Hermann Scheurembrandt erbaute beeindruckende dreischiffige Kirche war in historisierend neo-romanischem Mischstil gehalten und entspricht heutigem ästhetischem Empfinden nicht unbedingt (eingeweiht 1897). Sie hatte einen 50 Meter hohen Turm mit drei Glocken, verfügte über 1200 Sitzplätze und über eine Walker-Orgel.
Nach dem bolschewistischen Oktoberumsturz von 1917 blieb es in der südlichen Ukraine noch lange ruhig, Der Gemeindealltag konnte bis Mitte der 30er Jahre relativ ungestört weitergeführt werden. In den 20er Jahren wirkte an St. Pauls als Organist und Kantor Theophil Richter, der Vater des berühmten Pianisten Swjatoslaw Richter, der an dieser Orgel geübt hat. Mit 23 anderen Gliedern der lutherischen St. Pauls-Gemeinde wurde Theophil Richter als prominenter Deutscher in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober – wenige Tage vor der Einnahme Odessas durch die deutsche Wehrmacht – von den Sowjets erschossen. Das Ende des eigentlichen Gemeindelebens hatten aber bereits der berüchtigte Stalin-Terror (die „Grossen Säuberungen“ 1936-1938) gebracht – die St. Pauls-Kirche und andere Kirchen wurden geschlossen und geplündert, die orthodoxe Kathedrale sogar gesprengt.
Als die Sowjets 1944 die Ukraine zurückerobert hatten, war an ein Wiederaufleben lutherischen Gemeindelebens in der gesamten Sowjetunion nicht zu denken – schon deshalb, weil alle „Sowjetbürger deutscher Nationalität“ (Russlanddeutsche) nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Ukraine (22. 6. 1941) hinter den Ural – nach Sibirien und Zentralasien – deportiert wurden (in der zunächst deutsch besetzten Ukraine geschah dies später, seit 1944). Zunächst stand die geplünderte St. Pauls-Kirche lange leer, dann wurde sie als Turnhalle und Kinosaal missbraucht. Da keinerlei Wartungsarbeiten vorgenommen wurden, traten erhebliche Wasserschäden auf; die Fundamente sackten ab; armdicke Risse durchzogen das Mauerwerk; die Bausubstanz und die gesamte Statik nahmen erheblichen Schaden.
In den 60er Jahren sollte das Gemäuer gesprengt werden. Doch setzten sich die Musikhochschulen und kulturtragende Kreise der Stadt durch, die eine Restaurierung des Gebäudes und seine Umgestaltung in einen Orgel- und Konzertsaal verlangten. Die Aufbauarbeiten wurden aufgenommen – doch in der Nacht zum 9. Mai 1976 brannte die Kirche völlig aus. Man geht von einem Brandanschlag erzkommunistischer Kreise aus, die eine ehemalige Kirche nicht einmal als Konzertsaal dulden wollten (in jenen Jahren wurden viele Kirchen in der Sowjetunion, die einer kulturellen Funktion zugeführt werden sollten, „abgefackelt“, etwa die eindrucksvolle katholische Katharinenkirche in Leningrad). Als Ende 1991 die politische „Wende“ auch die Sowjetunion erfasste, war die St.-Pauls-Kirche nur noch eine einsturzgefährdete Ruine.
Gegen Ende von Gorbatschows „Perestrojka“ wurde 1990 erstmals seit den 1930er Jahren wieder eine lutherische Gemeinde in Odessa zugelassen („registriert“). Erste Gottesdienste in der Ruine fanden (wegen des eingestürzten Daches) unter freiem Himmel statt. Als die Stadt Odessa die Ruinen der Kirche und des Siechenhauses im Jahre 1997 der lutherischen Gemeinde formell zur Nutzung übergeben hatte, wurde zunächst das Siechenhaus als Gemeindehaus mit Kirchensaal umgebaut und 2002 eingeweiht (auch damals beteiligte sich der Martin-Luther-Bund an der Gestaltung des Altarraumes).

 

 

 

Linien

Linien schaffen Verbindung und stellen Beziehungen her:
Vom Licht der Fenster über die Brüstung der Emporen und die Führung der Säulen hin zu den Menschen der feiernden Gemeinde im Kirchenschiff.
Oder vom Gekreuzigten zu den Aposteln Petrus und Paulus und hin zum Taufstein.

Linien umgrenzen Raume:
Die bewegte rote Fläche rund um das Kreuz ist beruhigt und aufgehoben in einem goldenen Kreis.
Oder die Menschenkette des Deckengemäldes
ist geschützt von leuchrendem Orange.

Linien markieren Sicherheit:
Ein Fundament aus Purpur trägt das goldene Kreuz und die ganze Komposition der Altarückwand.

 
Empore  

Blick in das Kirchen-Innere

Vor allem die vertikalen farbigen Linien der Fenster und der Emporenfelder, die sich in den Säulen fortsetzen, verbinden das Oben mit dem Unten - Gott und Mensch    

Altarrückwand   Altarraum
Die neue Altarrückwand kurz vor der Fertigstellung des Kirchenraums mit dem in Rot und Gold gefassten Christuskreuz und den Apostelfiguren aus der Barockzeit   Kanzel, Altar und Taufstein, aufgemauert aus Steinen der abgebrochenen Apsis

 
    Für den Wiederaufbau der einsturzgefährdeten Kirche stellte der ukrainische Staat keine Finanzmittel zur Verfügung. Zuerst musste geklärt werden, ob ein solcher überhaupt sinnvoll sei – mit ihren 1400 Sitzplätzen wäre die alte Kirche für die 300 Glieder der heutigen Gemeinde völlig überdimensioniert. Deshalb liess die Bayerische Ev.-Luth. Landeskirche als Partnerkirche der „Deutschen Ev.-Luth. Kirche in der Ukraine“ ein Konzept entwickeln, das lediglich einen kleineren Teil des Kirchenschiffes als Kirchensaal vorsah; ein grösserer – „säkularer“ – Teil sollte im Sinne eines Begegnungs-, Kultur- und Wirtschaftszentrums auf mehreren Etagen vermietbare Büros, Konferenzräume, Säle und Privatwohnungen beherbergen. Zur Umsetzung dieses Projektes rechnete man zunächst mit 3,5 Mio. Euro (letztlich kostete das Ganze aber das Doppelte). Den Kirchsaal finanzierte in erster Linie die Bayerische Landeskirche (sie hatte dafür Rücklagen gebildet); für den „säkularen“ Trakt zeichneten bayerische Ministerien, einige Ämter der deutschen Bundesregierung und auch ukrainische Firmen verantwortlich. Nachdem der zähe Widerstand der ukrainischen Behörden überwunden war, begannen 2005 die Bauarbeiten, die sich wegen vielfacher technischer Hindernisse und ständiger Eingriffe der ukrainischen Behörden besonders schwierig gestalteten, aber doch nach fünf Jahren weitgehend abgeschlossen werden konnten.
Der Kirchenraum mit 250 Plätzen präsentiert sich ganz modern, in hellen Farben. Der Altarraum wurde wesentlich von dem Württemberger Künstler Tobias Kammerer gestaltet. Der Beitrag des Martin-Luther-Bundes ist bestimmungsgemäss in die Ausgestaltung des Altarraumes geflossen.
Literatur: Claus-Jürgen Roepke (Herausgeber): St. Paul – Odessa. Kirche. Gemeinde. Glaube. Partner. Odessa – München 2010 (zu beziehen über Kunstverlag Josef Fink, Hauptstr. 102b, DE – 88161 Lindenberg).

 
Die städtebaulich an dominanter Stelle errichtete St. Pauls Kirche vor der Revolution

St. Pauls Kirche

 


Zur Geschichte der lutherischen Gemeinden in Russland
Etwa Hunderttausend Deutsche wurden im Laufe eines Jahrhunderts ins Russischen Reich berufen, um menschenleere Gebiete wirtschaftlich zu nutzen: Unter Kaiserin/Zarin Katharina II. (regierte 1762-1796) wurden 1763 bis 1769 ca. 23.000 Pfälzer und Hessen an der Wolga angesiedelt (die Wolgadeutschen), und seit Kaiser Alexander I. (regierte 1805-1825) zogen 1801 bis 1865 ca. 90.000 (überwiegend Schwaben) in den äussersten Süden des Reiches (die sog. Schwarzmeer-, die Kaukasus- und die Bessarabien-Deutschen. 1900 betrug die Zahl der Deutschen in Russland schon eine Million Personen, um 1990 mehr als zwei Millionen. Bis Mitte der 1930er Jahre hatten sie deutsche Schulen und Lehrerseminare, deutsche Gerichte, eigene Kirchen; die Dorf- und Kreisverwaltung war deutschsprachig; 1924 bis 1941 gab es sogar die „Sozialistische Autonome Republik der Wolgadeutschen“ (knapp 500.000 Einwohner) südlich von Saratow, nördlich von Wolgo-/Stalingrad und im Schwarzmeergebiet, in Sibirien und Georgien eine Reihe autonomer deutscher Landkreise.
Die Russlanddeutschen waren zum grössten Teil lutherisch. Nachdem Kaiser Nikolaj I. 1832 die Gründung der „Ev.-Luth. Kirche in Russland“ befohlen hatte, wurde Odessa Sitz eines Propstes (= eines Dekans). Der lutherische Bischof für das Russischen Reich hatte in der Reichshauptstadt St. Petersburg seinen Sitz. Von hier aus sandte die lutherische Kirchenleitung Pröpste und Pastoren auch in die „südrussischen“ (= ukrainischen) Gemeinden. Die Geistlichen hatten, wenn sie nicht direkt aus Deutschland kamen, ihre theologische Ausbildung an der damals deutschsprachigen Universität Dorpat (heute Tartu) erhalten. Erst während der Perestrojka durfte die Ev.-Luth. Kirche in der Sowjetunion wieder aufgebaut werden und umfasst heute unter dem Namen „Ev.-Luth. Kirche in Russland, der Ukraine, Kasachstan und Zentralasien“ das Gebiet der einstigen Sowjetunion. Der Erzbischof hat wieder seinen Sitz in St. Petersburg. Allerdings hat diese Kirche seit dem Massenexodus der Russlanddeutschen nach Deutschland zwischen 1993 bis 2003 sehr gelitten; nun bestimmen zum Luthertum konvertierte Russen und Deutschstämmige, die kaum noch Deutsch können, das Schicksal der einst deutsch geprägten Kirche – diese entwickelt sich nun zu einer russischsprachigen Kirche.

Literatur: Gerd Stricker (Herausgeber): Russland. Berlin: Verlag Siedler 1997/2003.